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Jugend ohne Gott – Eine Gesellschaft ohne Werte?

Jugend ohne Gott“ entführt den Zuschauer in eine nicht näher definierte, digitalisierte Welt. In einer in Sektoren geteilten Gesellschaft versucht eine Gruppe wohlhabender Jugendlicher, Plätze an einer der renommierten Rowald-Universitäten zu ergattern. Ein Assessment-Camp soll die Frage klären, wer tatsächlich hierfür geeignet ist. So wird eine scheinbar idyllische Berglandschaft Austragungsort verschiedener Wettbewerbe – und sich allmählich aufbauender Konflikte.

Gewiss lässt sich sagen, dass der Film die Thematik auf eine überspitzte Weise darstellt. Letzten Endes handelt es sich schließlich doch um eine fiktive Zukunft und eine erdachte Gesellschaft. Betrachtet man „Jugend ohne Gott“ jedoch von der Meta-Ebene aus, so fällt auf, dass die Themen, mit welchen sich der Film auseinandersetzt, doch nicht so weit von der heutigen Welt entfernt sind, wie man es auf den ersten Blick vielleicht annähme. Man sieht Leute, welche es sich aufgrund von mangelnden finanziellen Mitteln nicht leisten können, angemessene schulische Bildung zu genießen, während andere in Saus und Braus leben. Man sieht einen Jungen, welcher durch sein Übergewicht zur Zielscheibe von Hänseleien wird, die letztlich zu der absoluten Ausgrenzung dessen führen. Und man sieht Jugendliche, die einen durch ihr extremes Konkurrenzdenken daran erinnern, warum der Ehrgeiz (ambitio) im antiken Rom ein derart negativ behafteter Begriff war.

Regisseur Alain Gsponer spricht in einem Interview mit der Aargauer Zeitung von einer „Jugend ohne Werte“. Sie kenne keine Liebe mehr, keine Wahrheit, keine humanistischen Grundsätze. Man sieht sich dazu gezwungen, durch Talent und Ehrgeiz zwar die Augen der Leute auf sich zu ziehen, jedoch zugleich stets dem System zu folgen und sich diesem anzupassen.

Werte haben in dieser Gesellschaft abgedankt. An deren Stelle stehen in „Jugend ohne Gott“ das Erbringen von Leistungen und der damit verbundene Druck, diese auch aufrecht zu erhalten. Doch wie sieht es in der Realität von heute mit dem Leistungsdruck aus?

Wirft man einen Blick nach Deutschland, so sprechen Statistiken Bände: Immer mehr Menschen verlassen die Schule mit dem Abiturzeugnis in der Hand und auch beim Notendurchschnitt ist eine deutliche Besserung bemerkbar. Jedoch ist auch nicht zu leugnen, dass insbesondere im Süden des Landes der Leistungsdruck auf die Schülerinnen und Schüler als zu hoch empfunden wird. Die Schuld hierfür wird zwischen Lehrern und Eltern hin- und hergeschoben wie ein Feuerball. Der Esel in der Mitte bleibt der Lernende.

Infolge des erhöhten Leistungsdrucks steigt der Stresspegel enorm. Plötzlich ist eine Eins als Resultat bei der Prüfung das einzig akzeptable Ergebnis, eine Niederlage wird nahezu einem generellen Defizit gleichgesetzt. Prüfungsängste sind somit nur ein Beispiel für eine Vielzahl von möglichen Folgen eines zu weit getriebenen Ehrgeizes, welchem auch mit dem Abschluss der Schulzeit kein Ende gesetzt wird. Da ist es dann der wacklige Arbeitsplatz, um welchen man bangt. Oder – wie in „Jugend ohne Gott“ – der heiß begehrte Studienplatz.

Ob „Jugend ohne Gott“ der gleichnamigen Ödön-von-Horváth-Buchvorlage ebenbürtig ist, ist wohl eine Frage des Geschmacks. Gewiss kann man den Film als einen weiteren Versuch der Filmindustrie, auf der Welle der dystopischen Romanverfilmungen mitzureiten (siehe „Die Tribute von Panem“ oder „Die Bestimmung  – Divergent“), verstehen. Eine andere Möglichkeit jedoch ist es, hinter die Fassade zu blicken und auf die Kernaussagen des Filmes zu achten. Auf diese Weise wird es möglich, den Film „Jugend ohne Gott“ als ein Plädoyer für intakte Wertvorstellungen zu sehen. Gegen blinde Systemkonformität. Und – last but not least – ein Plädoyer für die Menschlichkeit.

Jugend ohne Gott” ist seit dem 1. September in den österreichischen Kinos zu sehen.

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Jasmina Cavkunovic

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